Standpunkt der VDP.Prädikatsweingüter zur aktuellen Diskussion zur Neufassung des Weingesetzes

Mainz | 11. Februar 2020

Der deutsche Weinbau ist in einer strukturellen Krise. Der Rückgang des Inlandsanteils von deutschem Wein unter 40% und der massive Einbruch im Export sind mehr als Warnzeichen. Sie verdeutlichen eine massive Krise, deren Ursachen und mögliche Antworten schon seit vielen Jahren diskutiert werden. Erschreckende Meldungen kommen jüngst aus dem Remstal (Remstalkellerei) und aus Breisach, die von einer versäumten Anpassung zeugen. Natürlich heben sich davon eine Vielzahl von Betrieben ab, die anders als die Betroffenen schon lange nicht mehr nur weiter so sagen. Klar ist, dass alle Änderungen Risiken in sich tragen und ein Erfolg nicht garantiert ist. Klar ist aber auch, dass ein weiter so ganz sicher keine Chance auf Besserung bietet.

Die VDP.Prädikatsweingüter haben im eigenen Verband in den 1990er und 2000er Jahren die Erfahrung gemacht, aus mangelnder Wirtschaftlichkeit und Reputation heraus eine erfolgreiche Neuorientierung vorzunehmen. Ein solcher Prozess ist ohne Einschnitte niemals erfolgreich. So waren die Einschnitte bei den Mitgliedern anfänglich auch nicht leicht durchzusetzen. Der Verzicht auf Großlagen und strenge Eingriffe in das gesamte Bezeichnungsrecht mit drastischen Auswirkungen auf die Sortimente waren anfänglich von großen Widerständen begleitet. Massivste wirtschaftliche Verschlechterung wurde befürchtet, da man gerade im Wettbewerb mit Konkurrenten, die immer noch die altbekannten Bezeichnungen nutzten, Nachteile befürchtete. Nach nunmehr 20 Jahren haben sich all die Bedenken, die den heute nahezu wortgleich von anderen Gruppierungen geäußerten entsprechen, als völlig unbegründet erwiesen.

Ohne Einschnitte wird es am Schluss nicht möglich sein, den deutschen Wein in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Dafür ist es nun aber höchste Zeit.

Der deutsche Weinbau tritt in dieser Diskussion in eine entscheidende Phase. Vor 150 Jahren haben eine Vielzahl kluger Akteure, vor allem auch aus den Reihen der heutigen VDP.Winzer, aus Verantwortung für den gesamten deutschen Weinbau den deutschen Weinbauverband gegründet. Die Gemeinsamkeit in der Branche zum Wohle aller stand stets im Vordergrund. Nach dieser langen Zeit stellt sich die Frage, ob dieser Weg nun zu Ende geht. Die Erkenntnis vieler Fachleute, die schon vor 20 Jahren eine Neuausrichtung des deutschen Weinbaus nach den auch jetzt wieder vorgelegten Vorstellungen für notwendig hielt, konnte sich damals aufgrund der mangelnden Kompromissfähigkeit und den beharrenden, zu keinerlei Änderungen bereiten Teilen der Branche nicht durchsetzen.

Nun stehen wir nach mehreren Jahren intensiver Diskussion, Absatzeinbrüchen im In – und Ausland erneut an dem nahezu gleichen Punkt. Das Ergebnis dieser Diskussion und die Frage der Kompromissfähigkeit wird darüber entscheiden, ob die Zukunft in der Gemeinsamkeit oder in der Unterschiedlichkeit liegt. Schon gründen sich Gruppierungen, die nicht mehr zuwarten wolle und sich durch den Weinbauverband nicht mehr vertreten fühlen.

Die am 4. Februar 2020 erfolgten Beschlüsse des Vorstandes des Deutschen Weinbauverbandes sind das absolute Minimum, das jetzt umgesetzt werden muss. Weitere Abstriche würden das gesamte Projekt gefährden, da damit keine Profilierung mehr verbunden und für den Konsumenten keine Klarheit gegeben wäre.

Die VDP.Prädikatsweingüter sind davon überzeugt, dass eine noch wesentlich weitergehende Einschränkung, eine klarere Profilierung und Fokussierung zu einem noch größeren Erfolg für alle Winzer, vom Fassweinerzeuger bis hin zum Erzeuger hochpreisiger Spezialitäten führen würde.

Die Überzeugung der VDP.Prädikatsweingüter geht dahin, dass die Regionen sich strikt profilieren, auf wenige typische Weine konzentrieren und dabei klaren qualitätsbezogenen Vorgaben folgen. Im Bereich der g.U. (geschützten Ursprungsbezeichnung) sollten wenige Rebsorten herkunftsbezogen profiliert werden und eine deutliche Mengenreduzierung auf ein internationales Niveau vorgenommen werden.

Exkurs Großlage: Der vollständige Verzicht auf die Großlage würde den Erfolg aller maßgeblich erleichtern. Der Erfolg der Reform hängt aber ganz wesentlich davon ab, dass Großlagen wenigstens eindeutig als gebietsähnliche Regionen erkennbar sind. Dabei möchte niemand den Genossenschaften und den wenigen anderen Verwendern ein Geschäft wegnehmen. Doch beruht das gesamte neu zu etablierende System auf einer herkunftsbezogenen Abstufung (Gebiet, Ort, Lage), die als solche auch für den Konsumenten leicht erkennbar sein muss. Würde eine ungekennzeichnete Großlage, für die die Vorschiften der Gebietsweine gelten, neben einer profilierten Einzellage stehen (Deidesheimer Paradiesgarten neben Deidesheimer Hofstück; Piesporter Goldtröpfchen neben Piesporter Michelsberg) wäre das für keinen Verbraucher unterscheidbar. Der Misserfolg des gesamten Unternehmens wäre wahrscheinlich. Das absolute, auch schon schwer zu vertretende Minimum ist der Kompromiss, den Großlagen den Begriff Region voran zu stellen (Deidesheimer Paradiesgarten neben der Region Deidesheim Hofstück, Piesporter Goldtröpfchen neben der Region Piesporter Michelsberg.)  Viel sinnvoller wäre es auf dieser Ebene neue regionale Bezeichnungen, die mit touristischen Destinationen verbunden werden, einzuführen. Es muss eine Aufgabe der Schutzgemeinschaften sein, hierüber nachzudenken.

Weine, die dem angestrebten Profil der g.U. nicht entsprechen, sollen natürlich nicht verboten, sondern in einem parallelen System, vorzugsweise in der ggA (geschützte geografische Angabe) mit erhöhtem Alkoholgehalt ihre Heimat finden. Hier wären einfache, starktragende Sorten wie Dornfelder und Müller-Thurgau einzuordnen; ebenso Schoppenweine bzw. Basisweine für LEH und Discount. Diese Weine gehören von ihrer Natur her in die ggA.

Ferner sollten Weine, die aufgrund ihrer Individualität erklärungsbedürftige Spezialitäten (Merlot, Rieslaner etc.) darstellen, der ggA Stufe zugeordnet werden. Erzeuger und Konsumenten dieser Weine schätzen sie nicht wegen ihrer Herkunft oder Klassifikation, sondern wegen ihrer Besonderheit. Solange dies nicht möglich ist, können sie auf Gebietsebene weiter ihren Platz haben.

Die VDP.Prädikatsweingüter und eine Vielzahl weiterer Erzeuger, die sich den gleichen, qualitätsvollen, herkunftsgeprägten Idealen verschrieben haben, sind zu einem Kompromiss bereit und unterstützen bis auf Details den Vorschlag des DWV als ersten zielführenden Schritt für einen international zukunftsfähigen deutschen Weinbau.

Sollte auf dieser Basis keine Einigung erfolgen und dadurch erneut die notwendigen Schritte verhindert werden, wird die Zukunft des deutschen Weinbaus in dem Beschreiten unterschiedlicher Wege liegen, da sehr viele Erzeuger nicht bereit sind, sich erneut auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner, voller Verwässerungen und Parallelitäten ein zu lassen.