Die Geburt des Traubenadlers

Wie der Adler zum Wein kam

Eine kleine Biographie des VDP-Traubenadlers 

Der brandenburgische Adler erschien in blutrot, der preußische trug schwarz, das habsburgische Wappentier war gar ein Doppeladler. Die Brust der ehrfurchtgebietenden Wappenvögel zierte im Laufe der Jahrhunderte manches, nur keine Trauben. Bis zum Jahr 1925. In Koblenz wurde die erste (und letzte) Reichsausstellung Deutscher Wein ausgerichtet, gehörten doch die Rheinland seit genau tausend Jahren zu Deutschland (wenn sie nicht wieder einmal von Frankreich besetzt waren, wie seit 1918 …). Ein Kölner Poet und Grafiker namens Franz-Josef Lichtenberg witterte ein gutes Geschäft. Dem expressionistisch verfremdeten Preußenadler eine fette Traube vor die Brust gemalt – darunter ein schwülstiger Weihespruch, das Ganze als großes Wandblatt in limitierter Auflage und als Postkarte zu sechs Mark pro hundert Stück gedruckt: der Traubenadler war geboren.

Ob Lichtenberg aus eigenem Antrieb oder in fremden Auftrag handelte ist ebenso wenig überliefert wie die Antwort auf die Frage, ob er auf seine Kosten kam. Ein Rätsel ist es auch, warum sich der Trierer Kunstgrafiker Fritz Quandt im Winter 1925/26 daran machte, den mutmaßlich verwaisten Traubenadler unter seine Fittiche zu nehmen und in den Dienst des 1910 gegründeten Verbands Deutscher Naturweinversteigerer (VDNV) zu stellen. Hatte vielleicht der Vorsitzende des VDNV, der Trierer Oberbürgermeister Albert von Bruchhausen, bei der Wiedergeburt des Traubenadlers seine Finger im Spiel? Wie dem auch sei: Von den zwei Entwürfen, die sich im Trierer Stadtmuseum erhalten haben, fand der strengere Gefallen. Am 10. März 1926 konnte Bruchhausen den rund zweihundert Naturweinversteigerern in den mittlerweile sechs Regionalverbänden ein Schreiben mit der frohen Kunde zuleiten, das Reichspatentamt habe den Eingang der Anmeldung des neuen Verbandszeichens in die Zeichenrolle bestätigt.

Wie viele Weingutsbesitzer der Aufforderung Folge leisteten, das Verbandszeichen als Beglaubigung der Zugehörigkeit zum Kreis der Naturweinversteigerer auf Briefpapier, Korken oder Etiketten zu drucken, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Allem Anschein nach waren es nicht allzu viele. Ein Etikett oder eine Flaschenkapsel mit dem Traubenadler und der Umschrift VDNV ist jedenfalls nicht überliefert. Allerdings fand das Wappentier einen Platz in den kunstvoll gestalteten Siegeln der Regionalverbände des VDNV vom Rheingau über die Nahe, die Pfalz und Rheinhessen bis nach Baden und an Mosel und Saar. Damit nicht genug. Der „Propagandaausschuss“ des VDNV forderte im Oktober 1929 drei namhafte Künstler auf, ein „einheitliches Flaschenschild“ (Etikett) zu entwerfen. Den Zuschlag erhielt der Berliner Kunstgrafiker und Buchillustrator Professor Ernst Böhm (1890-1863). „Unsere Mitglieder besitzen Lagen von Weltruf“, war in der linken Spalte zu lesen. Und: „Dieses Zeichen in Verbindung mit Korkbrand garantiert naturreinen Wein“. Gemeint war der Traubenadler. Der Beschluss, ein gemeinsames „Flaschenschild“ einzuführen, fiel in der Sitzung des VDNV-Verbandsausschusses am 26. September 1930.

Wie so viele „Neuerungen“ im Weinbau war auch das Einheitsetikett ein Kind nicht des Überflusses, sondern der Not. Infolge von mehreren Missernten in Folge und der Weltwirtschaftskrise war die Not im deutschen Weinbau groß wie nie. Das neue Etikett weckte hohe Erwartungen: „Der Zweck des gemeinsamen Flaschenschildes ist, die Aufmerksamkeit des Weintrinkers auf das Weingut und den Verband mehr als bisher zu lenken. Bei Einbürgerung wird es auch möglich sein, dass auf Weinkarten und Preislisten neben dem Namen des Erzeugers die Angabe erfolgt: Verband Deutscher Naturweinversteigerer.“ Doch alles Wünschen half nichts. Die Lage besserte sich nicht.

Der erste Traubenadler

Wie viele Weingüter sich des neuen Etikettes bedienten, hat ebenfalls niemand festgehalten. Ob es mehr als eine Handvoll waren, vielleicht mehr als ein paar Dutzend? An einem Strang zogen die Mitglieder des VDNV auch damals eher selten. Die preußischen Domänen am Rhein, an der Nahe, der Ahr sowie an Mosel und Saar kamen schon aus politischen Gründen nicht in Frage, ebensowenig die in Mainz ansässige Großherzoglich-hessische Weinbaudomäne: Die „Flaschenausstattung“ war Behörden-, nicht Vereins- oder gar Geschmackssache. Viele renommierte Gutsbesitzer wiederum, deren Weine lange vor der Gründung des VDNV in aller Munde waren, beließen es bei ihren mitunter kunstvoll gestalteten Etiketten: Das galt für Friedrich von Bassermann-Jordan ebenso wie für den Fürsten Metternich, den Besitzer von Schloss Johannisberg. Zwei andere Vorzeigebetriebe im Rheingau sahen indes die Zeit gekommen, zusätzlich auf „corporate identity“ zu setzen: Schloss Vollrads im Besitz von Richard Graf Matuschka-Greiffenclau, und kaum weniger taditionsreiche Weingut des Grafen Eltz in Eltville. Auch an Mosel und Saar schien das neue Flaschenschild an einigen Orten auf ein Interesse gestoßen zu sein – und nur dort findet es seit den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg bis heute ununterbrochen Verwendung, allen voran im Weingut J.J. Prüm. 

Etikett des VDP.Weinguts J.J. Prüm

Für fast alle anderen Mitglieder des VDNV war das einheitliche Flaschenschild mit dem markanten Traubenadler in der Mitte der linken Spalte spätestens mit dem Inkrafttreten des Weingesetzes von 1969/71 Geschichte. Nicht nur der Begriff „Naturwein“ war fortan nicht mehr zulässig. Auch der Gedanke, dass der Charakter eines Weines wesentlich von der Herkunft bestimmt sein sollte, hatte in Zeiten des Glaubens an die Möglichkeit, ganze Gesellschaften und Volkswirtschaften zu steuern, an Anziehungskraft verloren.

Der Traubenadler überlebte indes auch diese Krise – zusammen mit dem VDNV. Doch halt: Auch der Verbandsname war nicht mehr zulässig. Wo keine naturreinen Weine, dort auch kein Verband Deutscher Naturweinversteigerer, ganz davon abgesehen, dass die Versteigerung als Vermarktungsform weitgehend an Bedeutung verloren hatte. Was also anfangen mit einem ramponierten Verband und seinem schrägen Wappentier? 1971 wurde aus dem VDNV der VDPV. Aus „Naturwein“ war „Prädikatswein“ geworden. Ein Jahr später benannte sich der Verband in „Verband der Prädikatsweingüter“. VDP heißt er bis heute.

1990 ging es auch dem Adler an den Kragen beziehungsweise an die Brust. Mit 10 statt 13 Trauben ließ sich schon etwas leichter fliegen. Später wurden aus zehn sechs. Doch der Adler schaute immer noch vom Betrachter aus nach links, in die Vergangenheit. Heute blickt der Traubenadler entschlossen in die Zukunft:

Man hat dem Tier nur den Hals herumdrehen müssen. Auf dem Etikett erscheint das Wappentier kaum noch. Stattdessen erstrahlt der Traubenadler auf den Flaschenkapseln, und das in so vielen Farben, wie es sich die Brandenburger, die Preußen oder die Habsburger niemals haben träumen lassen. So ist das mit den Weinen aus den Kellern der rund zweihundert Mitgliedsbetriebe des VDP. Sie (und nicht deren Erzeuger) haben einen Vogel. 

 

Der aktuelle Adler mit der Gründungsjahreszahl und 6 Trauben blickt nach rechts

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