Eröffnungsrede Mario Scheuermann 2006Eröffnungsrede zur VDP-Weinbörse 2006
Mario Scheuermann, Publizisten und Weinauthor
Vom Zauber der Zeit im WeinIn den vergangenen Jahren ist Ihnen von dieser Stelle aus durch manchen Vorredner viel Zuspruch zu teil geworden. Manches dicke Lob haben Sie erfahren. Auch viel Aufmunterung, die beschrittenen Wege weiter zu gehen. Man nannte den VDP eine „kleine radikale Minderheit“, aber auch ein „Synonym für Qualität, vergleichbar einem Rolls Royce“. Gelobt wurde ihre maßvolle Preispolitik und natürlich wurde der unvergleichliche Nimbus des Rieslings beschworen. Von einer „geschichtsträchtigen Wende“ sprach gar Stuart Pigott, als wäre tatsächlich jene Mauer in den Köpfen der Weinfreunde schon gefallen, die sich seit dem Ende des Ersten Weltkrieges aufgebaut hat. Vor dieser Zeit, das ist unstrittig, da besaß der deutsche Wein tatsächlich Weltgeltung. Heute gibt es beachtliche Exporterfolge. Das ist ein Unterschied. Bei der Lektüre dieser Redemanuskripte kann man den Eindruck gewinnen, alles wäre in bester Ordnung und der deutsche Wein, speziell der Riesling, tatsächlich einzig unter den Weinen, seine Vermarktung ein vorbildhaftes Erfolgskonzept. Wir alle wissen aber leider zu gut, dass dies so nicht der Fall ist. Es sind nach wie vor die anderen, die die Rekordpreise erzielen und die Weinkarten der Welt füllen: Boutiqueweine aus Übersee, Spanier und Italiener, Burgunder und immer wieder die Weine aus Bordeaux. Sicher haben deutsche Weine in einigen Metropolen der USA und in Fernost Boden gut gemacht, aber schauen Sie sich eine beliebige Weinkarte eines Sternerestaurants in Frankreich an, in Italien, in Spanien, in Johannesburg, Rio de Janeiro, Neu Delhi oder Toronto. Deutsche Weine suchen Sie da meist vergeblich. Diese Karten werden von anderen Provenienzen dominiert. Sieht man von den limitierten kleinen Mengen edelsüsser Auktionsweine ab, die seit vielen Jahren einen stabilen Markt auf höchstem Niveau haben, dann ist es bislang nicht einem einzigen deutschen Wein gelungen, in die Riege der echten Icons vorzustossen, d. h. einen Releasepreis von mehr als 100 Euro am Markt zu realisieren. Selbst die besten Ersten Gewächse haben dies bislang nicht geschafft. Sie verharren bei maximal 50 Euro und nicht wenige Erzeuger haben schon Mühe den verlangten Mindestpreis von 15 Euro zu erhalten. Das sind doch keine schlechten Preise, werden Sie sagen. Dabei sollten Sie aber bedenken, dass in Bordeaux gerade die nächste Runde eingeläutet wird und die Premiers Preise verlangen wereden wie zu Kaisers Zeiten (ich meine damit Napoleon III und die Belle Epoque). Und sie werden sie bekommen. Der deutsche Riesling ist davon noch meilenweit entfernt. Philippine de Rotschild hat einmal gesagt: Es ist ganz einfach einen Icon Wein zu machen. Mit Ausnahme der ersten 150 Jahre. Da ist was dran.Ich fände es angesichts dieser Situation unehrlich von mir eine weitere Lobeshymne der bekannten Art anzustimmen. Aber keine Angst. Ich will ihnen nicht den Vormittag verderben, sondern Sie nur ein wenig zum Nachdenken anregen, konstruktiv kritisieren und eine ehrliche Hilfestellung anbieten. Es wird Sie sicher nicht überraschen, dass auch ich Ihnen wie alle meine Vorredner ausdrücklich dafür danke, dass Sie mir die Gelegenheit geben, meine Ansichten zur Lage der Herkunft Deutschland vor diesem Auditorium auszubreiten. Es war und ist für jeden von uns eine Ehre vor einem derart kompetenten Forum sprechen zu dürfen. Für mich ist es aber auch verbunden mit einem persönlichen Rückblick auf einen wichtigen Lebensabschnitt, in dem ich ihre Arbeit begleitet habe. Es ist ziemlich genau 20 Jahre her, dass 1986 ein kleines Büchlein erschienen ist, bescheiden in der Aufmachung aber mit einem höchst anspruchsvollen Titel „Deutsche Spitzenweingüter - Klassifikation von 1985“. Es hat damals viel Aufregung um diese Publikation gegeben. Die ihr zu Grunde liegende Liste – eine Bestandsaufnahmen der deutschen Qualitätsbetriebe - war bereits zwei Jahre vorher entstanden und in den Jahren 1984 und 1985 in diversen Zeitschriften wie Alles über Wein, Decanter und Wine Spectator erschienen. Sie markierte das Ende jener unseligen Periode der deutschen Weinwirtschaft, die vom 1971er Weingesetz und den großen Weinskandalen der 1970er 1980er Jahre geprägt waren. Letztlich gab diese Schrift den Anstoß zu einer noch immer anhaltenden kontroversen Diskussion und der Aufarbeitung des Themas Klassifikationen in Deutschland. Kein einfaches Unterfangen in einem Land, das nach leidvoller Erfahrung mit antidemokratischen und totalitären Kräften heute die Gleichmacherei auf seine Fahne geschrieben hat, in dem man Eliten eher verdächtigt als feiert. In diesem Punkt haben Sie viel erreicht, dürfen sich durchaus als Speerspitze fühlen. Aber nehmen Sie das bislang Erreichte bitte nicht als Endstufe, sondern als einen Anfang oder allenfalls als Durchgangsstation. Es ist noch viel zu tun bis das Ziel erreicht ist und vielleicht ist ja auch hier im Sinne des Laotse in Wahrheit der Weg das Ziel. Ich habe damals in einem Interview mit dem Wine Spectator gesagt, dass es sicher 15 bis 20 Jahre dauern werde, ehe eine Klassifikations-Debatte erste greifbare Ergebnisse zeigen würde. Dies hat sich bestätigt. Nun sind 20 Jahre nach biblischer Sicht nicht mal ansatzweise ein Tag, aber im Leben eines Menschen und eines Verbandes doch eine ordentliche Zeitspanne und damit wäre ich bei dem Begriff angelangt, der im Zentrum dieser Rede steht. Es ist dies die ZEIT. Manchmal habe ich den Eindruck, als hätte Michael Ende sein Buch von Momo und den Zeitdieben nie geschrieben. Oder niemand habe es gelesen, geschweige denn es sich zu Herzen genommen.Ich frage mich immer wieder, warum ausgerechnet so viele Winzer sich die Zeit bereitwillig stehlen lassen. Ist doch die Zeit ihr mächtigster Verbündete bei ihrer Arbeit. Mein Freund Jean- Marc Maugey, ein engagierter Winzer in Bordeaux, der im tiefsten Entre deux mers unverdrossen Weine nach alter Art macht, also sie mit den Stilen vergären lässt, hat einmal gesagt : Le vin c´est le temps, parsque c´est le temps qui fait le vin. Wein ist Zeit; denn die Zeit ist es, die den Wein macht. Ein Gedanke, der uns leider fremd geworden ist. Die Devise, nach der die meisten von uns leben lautet: time is money Die Zeit wird mit Geld gleichgesetzt. Mit Zeit hat man zu geizen und nicht mit ihr zu wuchern, sie gar auszuleben in Form von Muse, in Form von Abwarten und Kontemplation. Welcher unserer heutigen Winzer gönnt dem Wein noch den dritten Winter im Fass und das vierte Jahr in der Flasche? So wie früher üblich, als die Zeiten noch wirklich golden waren, Bordauxweine und Rieslinge von Rhein und Saar zu den begehrtesten Luxusgetränken der feinen Welt gehörten. Heute ist der Wein für viele ein Gegenstand der Getränketechnologie geworden. Seien wir ehrlich, auch für die allermeisten unter denen, die sich der Tradition verbunden fühlen. Wer möchte schon auf den Edelstahltank verzichten oder auf die pneumatische Presse. Kaum ein Winzer, den ich kenne. Alles muss schnell und geordnet gehen, sauber und mit Präzision. Da ist keine Zeit für Widerspenstigkeit. Man unterwirft sich dem Diktat des Marktes, den Wünschen der Händler, der Konsumenten und auch der Journalisten. Jeder will der erste sein - beim Verkosten wie beim Füllen. Es ist ein Teufelskreis, den nur Sie durchbrechen können. Lassen Sie sich Zeit beim Weinmachen, dann werden sich auch die Händler, die Sommeliers, die Verbraucher wieder Zeit für die Weine nehmen müssen. Insofern kann ich die ganze Aufregung um das Weinhandelsabkommen zwischen den USA und der Europäischen Union nicht nachvollziehen. Worum geht es denn wirklich? Um Kunstwein? Mitnichten. Es geht einfach darum, dass in einigen Ländern Erzeuger die technischen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen zu 100 Prozent ausnützen wollen. Bei uns werden diese Möglichkeiten ebenfalls zu 80 oder 90 Prozent genutzt und nicht wenige streben danach, auch alles andere nützen zu dürfen. Europa sitzt in einem riesigen Glashaus und sollte sich daher hüten mit Steinen zu werfen.Derzeit tönen die Rufe nach einer Charta laut und weit durchs Land. Politiker liessen sich dazu verleiten, nach einem Reinheitsgebot ähnlich dem für Bier zu rufen. Eine Charta für traditionell hergestellten Wein – die wäre schnell formuliert. Nur würde uns das weiter helfen?Ich stelle sie mir so vor: Hand gelesen in Weinbergen die nicht bewässert, naturnah bewirtschaftet wurden ohne Herbizide und Insektizide, Fungiziden nur im äussersten Notfall, im Holz-Bottich gemaischt, korbgepresst oder baumgekeltert, im jeweils für die Region traditionellen Fasstyp spontan vergoren und auf der Feinhefe ausgebaut. So wenig wie möglich bewegt und abgezogen, völlig durchgegoren und möglichst ohne Schönung (wenn überhaupt dann nur natürliche Mittel wie Eiweiss oder Hausenblase) nach natürlicher Stabilisierung unfiltriert gefüllt.Alles andere ist streng genommen Technowein. Nur - wer will diesen Sprung zurück tatsächlich machen? Im Ernst doch niemand. Das Problem sind vor allem diejenigen Winzer und populistischen Politiker, die die Empörung vieler schlecht informierter Verbraucher ausnützen wollen, um eine Kennzeichnung von Weinen, die mit einem sehr hohen Mass an modernsten getränketechnologischen Verfahren hergestellt werden, als traditionell handwerkliche Machart zu erreichen. Und dies hielte ich für einen erneuten Fall von Verbrauchertäuschung. Man würde ja allenfalls zwischen High- und Low-Tech unterscheiden, zwischen aktueller oder Zukunftstechnologie und alter Technologie.Worum geht es denn ganz praktisch? Um ein immer wieder gern zitiertes Beispiel zu nehmen. Es soll möglich gemacht werden mit Hilfe von Chips auf preiswerte und schnelle Art – wieder geht es um Zeit und Geld – hochwertige bisher aber nur in einem langwierigen Verfahren herzustellende Barriqueweine massenhaft zu kopieren um sie preiswerter anbieten zu können. Das kommt mir bekannt vor. Ich weiss, dass dies einige hier im Saal nicht gerne hören wollen, aber was tun wir in Deutschland denn seit den 1930er Jahren? Mit Hilfe von Kälte, Schwefel, Kohlensäure und der EK-Filtertechnik produzieren wir massenhaft restsüsse Weine als preiswerte und schnelle Imitate der früheren feinen und hochfeinen Auslesen, die erst nach einer Lagerzeit von zwei bis vier Jahren auf den Markt kamen, wenn sie ihre Stabilität auf natürliche Weise erreicht hatten und deshalb auch zu Recht sehr hohe Preise erzielten. Die modernen restsüssen Turbo-Kabinette und Techno-Spätlesen bekommen diese Preise nicht. Der Markt ist da hart, aber gerecht. Für schnelle Produkte gibt es nur kleines Geld. Hohe Preise erzielt nur, wer den langen Atem hat, auf Langlebigkeit und Nachhaltigkeit setzt.Welche grundsätzliche Bedeutung dem Faktor der Zeit für den Wein zukommt wird deutlich, wenn man ihn verknüpft mit einem anderen Begriff der seit einiger Zeit in aller Mund ist und zwar mit dem Begriff des Terroirs. Dieser wird oftmals allzu leichtfertig reduziert auf die geomorphologischen und kleinklimatischen Bedingungen des Weinberges. Solcherlei Definitionen greifen für mich zu kurz, treffen nicht das Wesentliche; denn sie leugnen das Wichtigste: die Idee. Folgt man diesem Gedanken, dann fehlt nicht viel zur Vorstellung, dass man solche Terroirweine auch im Labor herstellen können. So wie es Enzyme und Hefen gibt, die Aprikosen- , Pfirsich- oder Grapefruitaromen im Wein produzieren, könnte man ganz sicher auch den Flintton von Sancerre imitieren, eine typische Petrolnote von der Mosel oder einen fränkischen Keupergeschmack. Diese sehr eindeutig zuzuordnenden Nuancen gibt es tatsächlich und sie können auch Bausteine von Terroir sein, aber sie sind es niemals allein. Ich jedenfalls kann mir Terroir ohne die Faktoren Mensch und Zeit nicht vorstellen. In seinem tiefsten Ursprung ist Terroir natürlich nur dann möglich, wenn sich über Jahrmilliarden eine Situation herausgebildet hat, die für eine bestimmte Pflanze und ihre kulturelle Erziehung spezifische Voraussetzungen bereithält. Sandige Geestböden für Spargel, ehemalige Moore für Speisekartoffeln oder die Hänge von Schiefergebirgen für Rieslingreben. Aber da beginnt es auch schon. Irgendwann muss der Mensch kommen und die Geestdünen so befestigen, dass sie nicht wegwehen, die Moore trocken legen, sonst verfaulen die Kartoffeln und die Hänge terrassieren, damit man daran arbeiten kann.Das bedeutet aber in der Konsequenz: Terroir ist, wenn schon Landschaft dann gestaltete Landschaft, Terroir ist hortus nicht natura. Und was hat der Mensch für Möglichkeiten! Er kann den mineralischen Gehalt des Bodens durch Steindüngung verbessern. Durch Drainage und Humusbildung kann er die Fähigkeit des Wasserspeicherung beeinflussen, durch Steine oder durch Gründüngung die Oberfläche verändert. Er kann durch Bäume Windschatten herstellen. Er kann wie im Falle von Haut-Brion und La Mission Haut-Brion eine ganze Stadt um die Weinberge bauen, so dass diese ein völlig eigenständiges Mikroklima bekommen. Er kann, wie am Kaiserstuhl geschehen, durch grossräumiges Zusammenschieben von Terrassen mit Bulldozern ein Terroir auf Generationen hin zerstören. Er kann Böden so verdichten dass die Pflanzen vor lauter Stress stöhnen und sich die Blätter schon im Sommer gelb verfärben.Er kann Terroir schaffen und zerstören. Bestes Beispiel ist der Clos Vougeot, jene mächtige Weinbergsanlage der Zisterzienser im Norden der Bourgogne. Einst war das Macchie, dürre Hecken, Steine, Steppenlandschaft, unnütz, zu trocken, unfruchtbar. Erst die Mönche erkannten die spezielle Eignung und sie wussten die leichte, aber immerhin vorhandene Hangneigung auszunutzen um einen riesigen von einer Mauer umgebenen dreistufigen Weinberg zu errichten mit Unterfeld, Hang und Oberfeld. Diese Kultivierungsart haben sie und ihre Epigonen dann jahrhundertlang weltweit immer und immer wieder eingesetzt. Der Steinberg im Rheingau ist so ein Beispiel. Der Dezaley am Genfer See, die Terrassen von Jois am Neusiedlersee, die Terrassen am Schomlauer Berg in Ungarn. Die meisten grossen alten Anlagen entlang des Rheins wurden so gestaltet: Unterfeld, mittlerer Hang und oberer Hang. Die Versuchung auch auf den Äckern der Plateaus und den Flussniederungen Wein zu machen, blieb unserer Zeit vorbehalten, die versuchte die Demokratie auch im Weinberg einzuführen und dabei eine Grundregel ausser Acht liess: Weinberge sind immer hierarchisch gegliedert und grosse Weine sind tief, niemals linear. Die in diesem Sinne radikalste Auseinandersetzung mit dem Begriff Terroir findet sich in den Schriften des französischen Philosophen Michel Onfray. Dieser erläutert Terroir am Beispiel des Sauternes, speziell Château d´Yquem. Er sieht in diesem Begriff eine Art Gedächtnis im Wein, historisch und metaphysisch zugleich, eine Form der Zeit. Einerseits gebunden an den Ort der Erzeugung, seine ganze Geschichte zurück bis an den Anbeginn der Zeiten, andererseits an das kulturelle Umfeld seines Erzeugers und letztlich auch desjenigen, der den Wein trinkt; denn erst in diesem letzten Moment des Verschwindens offenbart sich das Terroir. Wenn die Zeit, wie Platon meinte, „ein bewegliches Bild der Unvergänglichkeit“ ist, dann ist Wein eine flüssige Form von Zeit. Sie als Winzer stehen an einem ganz bestimmten Punkt einer langen horizontalen Zeitreihe und alles bisher Dagewesene läuft darauf hinaus Ihnen, nur Ihnen bestimmte Möglichkeiten zu geben, Wein zu machen. So wie nur Sie es können, keiner vor Ihnen und keiner nach Ihnen. In einem normalen Winzerleben bleiben ihnen 30, 40, wenn es hoch kommt 50 Versuche, Ihren Geist, Ihr Wissen, Ihre Zeit in Wein zum Ausdruck zu bringen. Mehr nicht. Es ist nur ein Augenblick, ein Lidschlag im Vergleich zur Ewigkeit oder auch nur zur Lebenszeit unseres Planeten. Die vertikale Säule dieser kleinen persönlichen Zeitsphäre ist bestimmt durch den Rebstock, der zum einen mit seinen Wurzeln in den Boden reicht, aus dem er Kraft, Nahrung und Erinnerung saugt, und der mit seinem Stamm, seinen Ranken und Blättern sich dem Himmel und damit dem Kosmos zuwendet. Bereits antike Autoren wie Vitruvius in seinen zehn Büchern über die Architektur und Plinius in seiner Geschichte der Natur haben diese Situation, diesen Zusammenhang beschrieben - als Schnittstelle zwischen Mikro- und Makrokosmos. Das genau ist auch heute noch Ihr Platz. Hier den Ausgleich zu finden zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Bewahren und Verbessern, zwischen realen Konditionen und den Sphären der Metaphysik - das ist die Aufgabe des Winzers, wenn er ein Kreator, ein Schöpfer sein will und nicht nur ein Getränkelieferant. Dazu muss man nicht gleich der Esoterik verfallen oder sich der Biodynamie hingeben (auch wenn letzteres nichts schaden kann). Es ist der Einklang zwischen Zeit und Natur den Sie spüren leben müssen. Dazu gehören Mut, Bereitschaft zum Risiko und Überwindung von Angst; denn was Sie da erwartet ist nicht immer Harmonie sondern eher Rilkes „reiner Widerspruch“. Es sind gerade die kleinen Unebenheiten, die Unschärfen und Unwägbarkeiten, die den Zauber bewirken. So wie wir letztlich unsere Existenz nur einer kleinen Unsymmetrie in der Geburtstunde unseres Universums verdanken. Hüten wir uns davor alles regeln und kontrollieren zu wollen.Denn mit dem Wein verhält es sich wie mit der Mathematik, die sich - wie wir dank Kurt Gödels Unvollständigkeitssatz wissen - durch kein formales System vollständig ausschöpfen lässt. Zum Wesen des Weins gehört auch jene logische Inkonsistenz, die allen Künsten zu Eigen ist, die menschliches Tun (oder sollte ich sagen göttliches Wirken?) von Maschinenwerk unterscheidet. Was Vitruvius vor über 2000 Jahren über die Ausbildung des Architekten geschrieben hat und was heute noch Erstsemester der Architektur lernen, könnte man mit wenigen Abstrichen auch auf den Beruf des Winzers anwenden, um klar zu machen, warum bei ähnlichen oder auch gleichen natürlichen Bedingungen der eine einen unverwechselbar vom Terroir geprägten Meditationswein erzeugt und der andere nur einen reintönigen Konsumwein, warum sich bei gleichen Bedingungen der Lage und des Jahres in einem Wein Mineralität zeigt und in dem des Nachbarn nur Alkohol.Erst die geistige Durchdringung der natürlichen Voraussetzungen, der Materialien, der Funktionen, die Reflexion von Zeit und Ort machen es dem Architekten möglich mehr als einen Raum, ein festes Dach und eine Fassade entstehen zu lassen. Und wie ist es in der Musik, jener Kunst der Onfray den Wein nebst der Malerei und der Architektur am nächsten sieht? Die Natur schafft die Voraussetzungen, in dem sie die Schwingungen bereithält, aus denen sich Töne, Akkorde, Dissonanzen bilden können. Der Komponist schreibt die Partitur, der Musiker führt sie auf und der Hörer empfindet sie. Erst in dieser dreifachen Interpretation entsteht das Werk. Ähnlich ist es im Wein. Es gibt banale Supermarktweine und schlichte Winzerschoppen. Dazu zählt die überwiegende Mehrheit der Weine. Es gibt Designerweine und Prestigeweine für die Tische der Reichen. Es gibt Alltagsweine und solche für festliche Anlässe. Es gibt Sommer– und Terrassenweine, gastronomische d.h. gut kalkulierbare Weine. Und es gibt Terroirweine. Ich denke, dass diese kaum mehr als ein, zwei Prozent aller weltweit produzierten Weine ausmachen. So wie nicht jede Kirche ein Petersdom ist, nicht jedes Porträt eine Mona Lisa und nicht jede Melodie sich für eine Fuge eignet oder gar als Leitmotiv eine Symphonie oder Oper tragen kann.Wenn im Wein sich Terroir offenbaren soll, geht es eben nicht einfach nur um den chemischen Vorgang der Umwandlung von Rebensaft bestehend aus Wasser, Zucker, Säure und Extraktstoffen in ein alkoholisches Getränk sondern um eine echte Metamorphose, um einen immer wieder neu zu schaffenden Mythos, der eine Botschaft, eine Aussage enthält. Wirklich Terroir-Weine vereinen Vergangenheit, Gegenwart und auf geheimnisvolle Weise auch die Zukunft in sich. Sie brauchen Zeit um sich zu entfalten. Und wir brauchen Geduld, wenn wir ihnen nahe kommen wollen. Was wir als Terroir bezeichnen ist eine Interpretation der Natur durch den Menschen, die sich erst in der Rezeption vollendet. Ohne uns, die wir den Wein trinken und geniessend interpretieren, bleibt Terroir letztlich eine Fiktion.In diesem Sinne bleibt mir nur, Ihnen für diese beiden Tage der Weinbörse in Mainz viel Erfolg, das heisst viele trinkfreudige Kunden zu wünschen.zurück