Eröffnungsrede Gero von Randow 2004Eröffnungsrede zur VDP-Weinbörse 2004
Gero von Randow, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT und
Autor des Buches „Genießen (Hoffman und Campe)
- Es gilt das gesprochene Wort -
Meine sehr verehrten Damen, sehr geehrte Herren,
ich habe mir vorgenommen, mich heute früh ausdrücklich an die Winzer im Saal zu wenden. Alle anderen dürfen natürlich auch zuhören und entweder Buh rufen oder Beifall klatschen.
Also, sehr geehrte Winzersleute, als ich dazu eingeladen wurde, hier zu Ihnen zu sprechen, habe ich mich sehr gefreut. Viele von Ihnen kenne ich von Weinveranstaltungen, auf denen ich die Früchte Ihrer Arbeit genossen und bewundert habe. Viele andere kenne ich zwar nicht vom Sehen, aber, nun ja, vom Trinken.
Sie alle, wie Sie hier versammelt sind, tragen zu meinem ganz persönli-chen Glück bei, und zum Wohlbefinden meiner Freunde.
Wir Weintrinker nehmen mehr Anteil an Ihrer Arbeit, als Sie es sich viel-leicht vorstellen. Anteil nehmen wir an der Arbeit im Weinberg, im Kel-ler, und auch Verpackung und Ausstattung wollen bedacht werden, und wer Ihre Weine trinkt, wünscht Ihnen auch weiterhin gutes Gelingen.
Karl Marx schrieb, die Warenbeziehungen auf dem Markt seien aller persön-lichen Bezüge beraubt. Da lag er falsch - aber es war ja auch eher Friedrich Engels, der ein passionierter Weintrinker war.
Unsereins, der ja nur am Ende der Nahrungskette steht, bekommt gleichwohl mit, dass sich die Weinwirtschaft seit vordenklicher Zeit um Ordnung und Regelung bemüht. All’ diese lobenswerten Anstrengungen hinterlassen ihre Spuren, Jahresringen gleich. Wer ihr Zusammenspiel recht verstehen will, der sollte sich vorher schon mal etwas Mut antrinken.
Zumal die Deutschen, wenn sie eine neue Regel beschließen, s ja nicht etwa die alte abschaffen. Weshalb ich mich schon auf Weine freue, die zum Beispiel so heissen werden: „2010er Klein-Kleckersdorfer Rieslinghölle Spätlese feinherb Tolles Gewächs – Selection – , kontrollierter Biowein, genfrei, leicht geschwefelt (Klammer auf: alte Reben, bestes Fass, drei Sternchen Klammer zu)- VDP“
Ich würde sagen: Das passt doch alles noch aufs Etikett.
Die im Weinberg so erfolgreiche Verwirrmethode schlägt jedenfalls voll auf den Markt durch.
Das wird von den Profis und den Experten als Missstand angesehen, gegen den, tja, wie soll man sagen: neue Regeln ins Feld geführt werden. Und also lautet die Parole: Den Wildwuchs kappen! Dem Kunden einfache, klare Bezeichnungen geben, damit er weiß, was ihn erwartet! So will es die Pro-paganda.
Es wird Sie vielleicht überraschen, dass ich mir eine abweichende Meinung erlaube.
Zwar freue ich mich über alle Bemühungen, nichtstaatliche, freiwillige Qualitätsregeln aufzustellen. Ich bin auch ein großer Freund der Zertifi-zierung, ich würde mich am liebsten selbst zertifizieren lassen.
Wenn VDP draufsteht, beispielsweise, weiss ich, dass VDP drin ist und ich den Wein also kaufen darf. Noch dazu, wenn Große und Erste Gewächse davon zeugen, dass in bester Lage bestens gearbeitet wurde. Natürlich kann ich das als Konsument, der ich wahrlich bin, nur begrüßen. Wobei ich als Re-dakteur einer liberalen Zeitung notwendigerweise die Ansicht vertrete, dass Weinbezeichnungen ohnehin keiner gesetzlichen Regelung bedürfen, der Betrugsparagraph reicht vollkommen aus.
Aber ich wünschte mir vor allem, dass all’ die liebgewordenen, verwirren-den, irrlichternden, merkwürdig altertümlichen Chiffren auf den Etiketten nicht verschwinden. Sie spiegeln die Tradition und die Vielfalt und die Regionalität des deutschen Weines wieder. Auch wenn da manches Geheimnis gelüftet werden muss: Dass beispielsweise in bestimmten Gegenden eine Riesling Spätlese weitaus süßer ist als eine Riesling Spätlese anderswo. Ist doch eine schützenswerte Marotte. Unsere Nachbarn, die Franzosen, regen sich über so etwas nicht auf, für sie ist sonnenklar, dass ein Ju-rancon süß ist, wenn er nicht Jurancon sec heisst. Und warum sollten die deutschen Spitzenwinzer nicht eine solche Vielfalt pflegen wie die bei-spielsweise die Bourgogne mit ihren unmöglichen Verwirrspielchen?
Es ist ziemlich unzufälligerweise die Bourgogne, die den Begriff des Ter-roirs geprägt hat. Und wer herausfinden will, warum ein Wein so und nicht anders schmeckt und warum er all’ die rätselhaften Bezeichnungen trägt, der muss sich eben mit dem Terroir beschäftigen, mit dieser Einheit von Physik, Chemie, Biologie, Technik, Kultur und Geschichte. Terroir, das ist ein zutiefst geographischer Begriff. Geographen fragen ja typischer-weise nicht: „Warum ist dies oder jenes so und nicht anders“, sondern sie fragen „Warum ist dies oder jenes hier so und nicht anders und anders-wo“. Eine komplizierte Frage, wie Sie merken. Es ist die Frage nach dem Ganzen von Natur, Kultur und Raum.
Es gibt übrigens jemand, bei dem der Weintrinker eine Antwort auf diese Frage erhalten kann. Das ist der Winzer.
Nichts geht über einen Besuch im Weingut. Ich weiss, Besucher können emp-findlich stören, erst recht, wenn sie den Unterschied von einem produzie-renden Betrieb zu einer Gaststätte nicht wahrhaben wollen. Aber es ist eben die Beziehung des Weintrinkers zum Winzer, die den Weingenuss erst zur Einlösung jenes Versprechens werden lässt, das all die schönen Eti-ketten geben, auf denen von Orten und Personen die Rede ist.
Anders sieht das ein einschlägiges Fachblatt, das ich beziehe. Dort lese ich: »Dass Kunden oft selbst den Weg zum einen Katzensprung entfernten Erzeuger sparen, ist für alle Handelsstufen, die deutschen Wein anbieten, das Grundsatzproblem überhaupt. Denn der Winzer bietet ab Hof oftmals denselben Wein billiger an."
Nun ja, ist es nicht ganz logisch, dass der Wein billiger ab Hof ist, weil die Transport- und sonstigen Transaktionskosten wegfallen, außerdem der Handelsprofit? Aber das wäre ja marktwirtschaftlich gedacht, und dieses Denken liegt der deutschen Weinwirtschaft nicht in jedem Fall.
Also lesen wir weiter in dem Fachblatt: »Ein anderes Etikett (und sei es derselbe Wein), so dass es dem Verbraucher nicht möglich ist, einen unmittelbaren Preisvergleich zu ziehen, kann die Situation schon be-trächtlich entspannen." Mit anderen Worten: Preisvergleich - also den klassischen Marktmechanismus - schließen wir durch ein probates Mittel aus, nämlich durch Täuschung. Täuschung, die eine Vermögensverfügung bewirkt: das ist die juristische Definition des Betrugs.
Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Der Handel ist unser aller Freund. Einer meiner besten Freunde hat sogar gerade bei mir zuhause um die Ecke ein Weinlädchen eröffnet, dort treffen sich die Nachbarn. Und was ist sein Konzept? Weine von Winzern, die er persönlich kennt und im Weingut aufsucht. Er stellt die persönliche Beziehung her. Die Amerikaner kennen den Ausdruck „social drinking“. Sie meinen damit das Trinken in Gesellschaft. Ich finde den Ausdruck schön, will aber damit etwas anderes meinen: Weingenuß stellt eine soziale, eine gesellschaftliche Beziehung her. Eine Beziehung zwischen allen, denen Wein etwas bedeutet.
Will sagen: Wenn ich Ihre Weine trinke, denke ich an Sie. An Sie, die Sie doch so unterschiedlich sind wie alle die Weinbezeichnungen und Lagennamen, der eine eher feinherb und der andere lieblich, mancher auch trocken, mal mit mehr und mal mit weniger Volumen.
Menschen sind vielfältig, Weine sollten es auch sein, die Bezeichnungen dürfen es also ebenfalls sein.
Als Winzer kennen Sie sich allesamt gut mit der Biologie aus. Nun, die Artenbezeichnungen der Biologie, namentlich der Botanik sowie der Insektenkunde, sind mindestens so überkommen wie diejenigen des Weinwesens. Das stört die Biologen aber nicht weiter, denn sie haben gelernt: Was heute eine moderne, nach heutigem Verständnis korrekte Bezeichnung ist – das ist morgen wieder Unfug. Also lassen die Biologen lieber gleich die Finger von Begriffsreformen und wenden sich ihrem ei-gentlichen Geschäft zu, der Wissenschaft vom Leben.
Was ich Ihnen hier vortrage, klingt womöglich innovationsfeindlich. Aber nicht alles, was neu ist, ist eine Innovation, und nicht jede Innovation ist sinnvoll. Alcopops beispielsweise sind eine Innovation; sie bewährt sich am Markt, und der einschlägige Industrieverband hat der Bundesregierung bereits Innovationsfeindlichkeit vorgeworfen, weil sie über die Gefahren von Alcopops aufklärt. Also, an dieser Aufklärung beteilige ich mich gerne, und ich möchte anregen, dass auf jeder Pulle Alcopop ein Aufkleber prangt: „Die Bundesbeauftragte für Kultur warnt: Alcopops ruinieren Ihre Genussfähigkeit.“
Wussten Sie, dass es eine Firma in Deutschland gibt, die Cola und Wein mischt und das Ergebnis als „Haubitze“ verkauft? Nicht jede Innovation verdient Beifall.
Das gilt auch für weintechnische Innovationen. Mit speziellen, industriell hergestellten Enzymen und Hefen ganz bestimmte Weinaromen anzusteuern, präzise wie ein Computerprogramm, gewiss, das gelingt zuse-hends, aber es planiert die Vielfalt ein.
Ich erinnere mich gut an die Parole, Qualität erweise sich im Glas. Das klingt gut und ist auch wahr, aber es ist eben eine missverständliche Parole, denn sie kann auch so verstanden werden: Der Zweck heiligt die Mittel. Und das wiederum ist eine Denkweise, die sehr gefährlich ist, weil sie letztlich auch die Zwecke korrumpiert.
Wer in Weinberg und Keller zu allem fähig ist, kann gute Weine produzieren – fällt aber leicht der Versuchung anheim, nicht das Typische hervorzubringen, das also, wonach der Geograph fragt – warum gerade hier – sondern nur dasjenige, was der Markt so wegschlabbert.
Sie mögen jetzt denken: Der hat gut reden, der muss keinen Wein verkaufen.
Das ist mir vollkommen bewusst. Aber ich muss ihn immerhin trinken.
Und ich möchte schreibend dazu beitragen, dass eine bestimmte Konsumentenschicht begreift: Die Vielfalt und Typizität der deutschen Weine sind es wert, so gut bezahlt zu werden, dass das Vergnügen ein nachhaltiges bleibt.
Der VDP ist eine kleine, radikale Minderheit. Die in ihm zusammenarbeitenden Winzer – und ein paar Freunde ausserhalb Ihres Verbandes – sind zwar wenige, repräsentieren aber eine größere Vielfalt als der ganze Rest. Ich möchte Sie dazu beglückwünschen.
Und hätte ich jetzt ein Weinglas in der Hand, würde ich es erheben und ausrufen: Es lebe die Vielfalt des deutschen Weines!