Eröffnungsrede Daniel Deckers 2001Eröffnungsrede zur VDP-Weinbörse 2001
Daniel Deckers, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Zur Lage des Weins
Sehr geehrter Prinz Salm,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
im Laufe eines deutschen Weinjahres gibt es wohl kaum einen bedeutenderen Ort, um über deutschen Wein zu sprechen, als die traditionsreiche Weinbörse in Mainz. Der Verband der deutschen Prädikats- und Qualitätsweingüter hat daher in den vergangenen Jahren keine Mühen gescheut, um zur Eröffnung der damals noch Mainzer Weinbörse internationalen Sachverstand zu Wort kommen zu lassen. Es geht die Rede, daß große Namen der Weinwelt hier vertreten waren (und sind). Und es heißt, daß viele, die in den vergangenen Jahren zum Auftakt der Weinbörse einige Worte an Gastgeber und Gäste richtete, dies in einer unnachahmlichen, mitunter sehr humorvollen Weise tat.
An diesem Vormittag bleiben wir, so fürchte ich, eine Weile unter uns. Heute ist nicht die Stunde des soignierten Franzosen, des geistreichen Engländers, des weltläufigen Amerikaners. Das Wort hat – o Graus – ein Frankfurter. Es kommt noch schlimmer: Der zu ihnen spricht, dürfte kaum als „wine writer“ zu charakterisieren sein. Um im Englischen zu bleiben: meine Berufsbezeichnung lautet „political editor“.
Doch weil es in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (deren Redakteure nur in Ausnahmefällen Frankfurter sind; ich selbst bin ein Exil-Kölner) im besten Sinn des Wortes liberal zugeht, schreibt nicht nur der Fachredakteur über Wein, ex oddicio gewissermaßen. Auch „political editors“ „senior correspondents“ und wie sie alle heißen, können sich zusammentun und über Wein schreiben, ex passione gewissermaßen. So ist im vergangenen Sommer die Serie „Zur Lage des Weins“ entstanden, in der im Wochenrhythmus eine Weinlage in Deutschland vorgestellt wird. Fast vierzig Folgen sind bisher erschienen, im Stil fast so individuell wie die Weine, die Sie machen. Langweilig ist es meinen Kollegen und mir noch nicht geworden. Dazu gibt es noch zu viele Geschichten vom deutschen Wein, die noch nicht geschrieben wurden, aber es wert sind, erzählt zu werden.
Doch gerade weil für die Serie ein „political editor“ verantwortlich ist, geht es nicht immer politisch korrekt zu, wenn die Rede auf die „Lage des Weins“ kommt. Nehmen Sie den Titel durchaus doppeldeutig. Wenn von der „Lage des Weines“ die Rede ist, nicht nur vom Glanz des deutschen Weines, sondern auch vom Elend. Heute morgen soll dies nicht anders sein.
Lassen Sie mich also in den kommenden vielleicht zwanzig Minuten einige Seitenblicke auf den deutschen Wein werfen.
Der erste Blick ...
... fällt gewissermaßen auf Sie, auf uns, auf den Anlaß, zu dem wir uns hier versammeln, und auf den Zeitpunkt. Ich meine damit nicht die frühe Morgenstunde nach den gerade erst verklungenen Walzerklängen. Heute ist, wenn die Sinne nicht trügen, der 23. April. Viele von Ihnen sind sich zuletzt am ersten Märzwochenende begegnet, auf der ProWein in Düsseldorf. Und eine ganze Reihe werden sich schon in vierzehn Tagen wiedersehen. Dann ist „Wein im Schloß“ in Koblenz, und die renommiertesten Güter vom Mittelrhein, von Ahr, Nahe und Terrassenmosel werden einem größeren Kreis, mehreren tausend neugierigen Besuchern, den neuen Jahrgang 2000 vorstellen. Mindestens vier Weine aus dem neuen Jahrgang seien in Koblenz zu präsentieren, wurde den teilnahmeberechtigten Weingütern jüngst eingeschärft.
Was aber, wenn der neue Jahrgang Anfang Mai noch gar nicht fertig ist? Sondern einige Partien friedlich vor sich hingären, andere still auf der Feinhefe ruhen? Die Weine, die jetzt noch nicht fertig sind, gelten gemeinhin nicht als die schlechtesten. Also müssen Faßproben her. Das mag für eine Weinbörse angehen, wo Fachleute unter sich sind. Aber für die Gutswein? Und erst für die ProWein?
Genug der Fragen. Es gibt viele gute Gründe – gerade im Blick auf den internationalen Wettbewerb – im zeitigen Frühjahr den Schleier über das vergangene Weinjahr zu lüften. Man wird ja mal probieren dürfen, zumal die Fastenzeit vorbei ist. Aber werden gemeinhin nicht größere Erwartungen geweckt? Etwa, daß der neue Jahrgang nicht nur gefüllt, sondern ausgereift, trinkfertig ist? Sie könnten mir vorhalten, mit diesem Gedankenspiel Eulen nach Athen tragen zu wollen. In der Tat gehen die VDP-Winzer in vielen Regionen mit gutem Beispiel voran und bringen ihre als „Erste Gewächse“ ausgezeichneten Rieslinge nicht vor dem September des Folgejahres in Verkehr, die Spätburgunder noch später. Und immerhin stammen ein Viertel der Weine, die hier und heute angestellt werden, nicht aus dem Jahrgang 2000, sondern aus 1999.
Die Botschaft, die damit verbunden ist, ist absolut richtig: Sind die Gewächse wirklich groß, dann können sie unmöglich dem Gesetz des an das olympische Motto „höher, schneller, weiter“ gemahnende Erster-auf-dem-Markt-sein-Wollen gehorchen. Doch gilt dies nur für die Spätburgunder, auf die sicher der Großteil der hier angestellten 1999er entfällt. Was ist mit den 1999 Rieslingen? Waren diese vor Jahresfrist so, daß man sie alle auf der ProWein, der Gutswein, der Weinbörse, bei „Wein im Schloß“ präsentieren konnte?
Man muß noch nicht einmal das Steuerrecht bemühen, um einen Winzer dazu zu bewegen, seine Weine umgehend aus dem Keller zu befördern. Für den einen sind es die Kunden, für andere die japanischen Einkäufer, für den dritten der Kollege, der immer früher füllt, für den vierten die famose Kellertechnik, für den fünften die Gastronomie, für den sechsten der Gault Millau – alles gute und respektable Gründe, im Februar, März oder April einen neuen Jahrgang zu vermarkten.
Die Situation ist schizophren: da werden Bordeaux-Jahrgänge nach allen Regeln der Kunst subskribiert, da glänzen Weinkarten mit großen Burgundern, aber deutsche Weine, Rieslinge zumal, müssen fast immer so jung wie möglich sein. Ein renommierter Rheingauer Winzer berichtete vor kurzem von einem denkwürdigen Schreiben eines angesehenen Hotels, ob man den Wein des neuen Jahrgangs haben könne. Was vom vorhergehenden Jahrgang übrig geblieben sei, würde man kostenlos zurücksenden. Diese Geschichte erschien mir so absurd, daß ich sie jüngst in einem renommierten Weingut an der Saar zum besten gab. Die Reaktion machte mich sprachlos. Der Besitzerin war ähnliches widerfahren. Sie können ihren alten Wein gleich mitnehmen, wurde ihr in einem namhaften Münchner Hotel angeboten.
Dabei ist ein Riesling, wenn er wirklich gut gemacht ist, im ersten Jahr noch lange nicht reif. Jetzt, im April, ist es Zeit, nach den 99ern zu sehen, zu probieren, wie sich die 98er entwickeln, einen trockenen 96er zu trinken, sich an einem 94er mit Firne zu laben, eine 89er restsüße Auslese zu genießen. Doch wer soll dieses Wissen weitergeben, wenn nicht Sie. Ältere Jahrgänge ausverkauft – ich kenne das Problem. Doch scheinen sich manche schon zu zieren, wenn sie Weine aus dem aktuellen Jahrgang neben denen aus älteren Jahrgängen auf der Karte haben sollen. Da ist die Resterampe allemal probater.
Dabei wissen Sie so gut wie ich, daß mancher Wein, der im ersten Jahr glänzt und in den einschlägigen Führern hochgelobt wird, nach drei, vier Jahren tot ist. Merkt ja niemand, da längst ausgetrunken. Mag sein. Aber wenn Sie sich nicht dem Trend zu Turbo-Weinen entgegenstemmen, wer sonst?
Der zweite Blick:
Vorhin klang es schon an: das neue Bezeichnungsrecht sieht zwei neue Begriffe vor: „Classic“ und „Selection“. Man könnte sich mit Grausen abwenden von dieser millionenschweren Weinpolitik mit einem Schauspieler als Werbeträger, der ein Weinglas in der Hand hält wie ein Bierglas, wenn das Ende dieser verwirrenden Kampagnen absehbar wäre. Ist es aber nicht. Als ob das deutsche Bezeichnungsrecht nicht kompliziert genug wäre – man denke nur an den Begriff „Hochgewächs“ – kommen munter neue Charakterisierungen hinzu. Spötter sind geneigt, in den neuen Bezeichnungen eine gelungene PR für namhafte Automarken zu sehen: Selection klingt verdächtig nach Opel, Classic nach Mercedes. Mit ziemlicher Sicherheit läßt sich vorhersagen, welche Bezeichnungen als nächstes eingeführt werden: „Esprit“ für besonders alkoholreiche Weine, „Avantgarde“ für Neuzüchtungen. Ein „K“ bei Weinen sollte aber nicht bedeuten „Kompressor“. Weit gefehlt. „K“ bedeutet „Konzentrator“. Und die Weine, die zur ProWein schon fertig sind, dürfen sich mit dem „T“ für Turbo schmücken. Ist Ihnen Kohlensäure zugefügt worden, weil ihnen nach der kontrollierten Gärung jede Spritzigkeit abhanden gekommen ist, tritt zu dem „T“ ein „G“ für Gas und ein I“ für Injection oder Einspritzer hinzu: „GTI“. RS haben wir schon. Sie sehen, das Bezeichnungsrecht ist der kreativen Kellertechnik mindestens ebenbürtig.
Nun könnte man das Ganze als absurdes Theater abtun, atmeten wir hier gemeinsam die dünne, aber reine Luft des „Wahren, Schönen und Guten“. Tun wir aber nicht. Das vielgeschmähte Oechsle-Denken des deutschen Weinrechts erfährt zumindest de jure in der „Erste-Lagen“-Klassifizierung des VDP Rheingau eine Bestätigung. Einen anderen Weg haben die VDP-Regionen links des Rheins eingeschlagen. Dort konnte man auf historische Lagenklassifikationen zurückgreifen, um Anhaltspunkte für eine Bewertung einzelner Lagen zu gewinnen. Doch auch diese Lösung hat ihren Pferdefuß. Die Qualität der unter einem „großen“ Lagennamen in Verkehr gebrachten Weine ist extrem unterschiedlich sein. Bleibt also nur die Klassifizierung von Weingütern, wie im Bordelais? Nicht erschrecken.
Wenn nicht alles täuscht, wird der deutsche Wein in der Spitze immer ein Wein sein, der vor der Einmaligkeit eines Terroir in Verbindung mit der Genialität des Winzers und des Kellermeisters lebt. Ein Raritätenkabinett gewissermaßen. Diese Spitze aber ist schmal: drei bis fünf Prozent der jährlichen Erzeugung sollten unter einem Lagennamen vermarktet werden, schlagen ganz Radikale unter ihnen vor. Und was ist mit dem Rest? Dreißig Positionen aus einem Jahrgang auf einer Weinkarte? Das dürfte wohl des Guten zuviel sein. Wo ist die Mitte?
Wenn es in Deutschland an etwas fehlt, so scheint mir, dann an sogenannten „Brot-und-Butter“-Weinen. Auslesen, Beerenauslesen, Trockenbeerenauslesen – wunderbar. Höchste Punktzahl. Mich würde eine Verkostung reizen, in der es nichts anderes gäbe als Guts- oder Qualitätsweine. „Wein und Markt“ hat im vergangenen Jahr über eine solche Probe berichtet. Das Ergebnis war im Ganzen gesehen enttäuschend. Glanz und Elend lagen selbst bei VDP-Guts- und Literweinen nahe beieinander. Basisqualität als Resteverwertung oder aber als lockendes Entrée in einen Weinhimmel mit mehreren Sphären?
Dritter Blick
Das Stichwort „Brot-und-Butter“-Weine soll uns auch im dritten Blick beschäftigen. Unausgesprochen blieb nämlich bisher, daß es sich zumindest in den nördlichen Anbauregionen bei diesen Weinen zumeist um Riesling handelt. Eine Ausnahme macht selbstverständlich Franken, wo neben manchen anderen Eigenheiten der Silvaner sein Refugium gefunden hat. Doch ist dies, provozierend gefragt, marktgerecht?
Riesling ist en vogue, unbestritten. Ebenso unbestritten aber ist, daß Riesling nicht von jedem Weißweintrinker vertragen und nicht immer als Essensbegleiter geschätzt wird. Her also mit Grau- oder Weißburgundern. Und dort, wo die Qualität des Standorts für einen Burgunder nicht ausreicht, Dornfelder. Jeder muß schließlich ein wenig Rotwein im Angebot haben. Und vielleicht darf’s künftig, wie beim Metzger, auch ein bißchen mehr sein.
Ich halte dagegen: jeder Cotes de Ventoux für acht Mark die Flasche aus einem x-beliebigen franzöischen Supermarkt ist besser als ein in der Regel vanillierter, durch unharmonische Säure übel auffallender Dornfelder vom Winzer für zwölf Mark. Wer für diesen Preis einen Cotes du Rhone-Villages ersteht, kommt schon in die Nähe von Terroir-Niveau. Immerhin deutet nichts auf ein Ende der Rotwein-Hausse in Deutschland hin. Aber wenn ein wirklich nach Burgund schmeckender Spätburgunder aus der Pfalz als ruppig gilt, Spätburgunder, die samt und flauschig sind wie eine Kreuzung aus Siamkatze und Steiff-Tier, als Krönung deutschen Rotwein-Anbaus gelten, dann ist vielleicht etwas faul im Staate Deutschland.
Warum nicht statt minderwertiger Rotwein-Sorten und anstelle von Spätburgunder auf falschen Böden nicht Silvaner pflanzen? Und wenn nur als Gutswein-Alternative zum Riesling. Als typisch deutsche Rebsorte. Als Alternative zu Soave und Chardonnay. Silvaner, bäuerlich, ohne „Esprit“, nicht frostsicher, Gefahr der Stiellähme – ich habe – immer außerhalb Frankens – so manches über den Silvaner gehört. Jenseits des Mains machen nur wenige Winzer Silvaner aus tiefster Überzeugung und mit heißem Herzen. Die Lage des deutschen Weins wäre besser, wenn dies nicht so bliebe.
So viel, meine Damen und Herren, für heute zur Lage des Weins. Sehen Sie es mir nach, wenn so manches auf den ersten nicht ganz „politisch korrekt“ daherkam. Bei aller Unvollkommenheit habe ich nur eines versucht: in einer immer stärker vernetzten und globalisierten Weinwelt eine Lanze für den „Standort Deutschland“ zu brechen. Dazu muß man nichts schlecht manchen, was andere machen, vielleicht sogar viel besser und viel billiger als dies in Deutschland jemals möglich wäre. Man sollte statt dessen dasjenige so gut wie möglich tun, was man nur selbst kann. Die notorischen Schwächen der nördlichen Anbaugebiete müssen ihre Stärke sein: hohe Varietät von Terroir und Jahrgängen – Deutschland, ein Raritätenkabinett mit mitunter klaren, mitunter chaotischen Zügen. Wenn das keine Lust auf deutschen Wein macht – ich weiß es nicht.