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Eröffnungsrede Michel Bettane 2003


Eröffnungsrede zur VDP-Weinbörse 2003

Michel Bettane, Chefredakteur „La Revue du vin de France“

Zunächst möchte ich mich entschuldigen, dass ich diese Rede auf englisch halte – dadurch wird sie jedoch wesentlich besser von Ihnen verstanden, als hätte ich sie in meiner Muttersprache (Französisch) gehalten. Zweitens möchte ich dem VDP ganz herzlich danken, dass der Verband einen französischen Journalisten als Gastredner für diese besondere Gelegenheit eingeladen hat – auch wenn es momentan keinen oder mindestens einen sehr beschränkten Marktanteil für den deutschen Wein in Frankreich gibt. Wie Sie wohl wissen, war die Lage in den vergangenen Jahrhunderten genau umgekehrt, als die Weine aus den Tälern vom Rhein und Mosel äußerst beliebt waren. Sie waren das Sinnbild für Wein für viele Generationen von Dichtern, Musikern und Künstlern und in Pariser Restaurants wurden Unmengen von Riesling Weinen in den berühmten schmalen Flaschen von einem breiten Publikum täglich konsumiert. Infolge verschiedener Kriege zwischen unseren beiden Ländern hat der Verzehr dieser beliebten Weine leider sein Ende genommen und seither sind sie nie wieder in Mode gekommen. Dennoch glaube ich, dass es jetzt eine Wendung geben könnte, und ich werde versuchen zu erläutern, warum ich die Zukunft mit Optimismus betrachte.

Erstens: Dass in solchen wichtigen Märkten, wie z.B. Amerika oder Großbritannien, gute deutsche Riesling- oder Weißburgunder eine deutliche Renaissance erleben, ist unverkennbar. Warum liegen deutsche Weine dort wieder im Trend? Weil die Preispolitik stimmt und die Qualität sehr gut ist. Auch die Raritäten sind – zum Glück – spekulationsfrei. Nicht nur gefallen deutsche Weine den anspruchsvollen Verbrauchern, sie sind ebenfalls für ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis zunehmend geschätzt. Dazu möchte ich sagen, dass sich besonders in den letzten zehn Jahren die Qualität verbessert hat – das Profil sowie die Herkunftsmerkmale sind eindeutiger geworden und mit ihren unglaublich puren Aromen und Fruchtnoten sind die Weine allgemein früher zugänglich. Da Verbraucher in Japan und Asien für Raffinesse und Stil besonders sensibel sind, ist es kein Wunder, dass auch sie diese Weine lieben. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass dies auch anderswo nicht zutrifft. Die modernen deutschen Weine passen insbesondere zu den geänderten gastronomischen Gewohnheiten der neuen Verbrauchergeneration, die Weißweine bevorzugt: Sie sind einfacher zu genießen; sie haben weniger Alkohol; sie sind dank Ihrer ausgeprägten Säure erfrischender; sie sind fruchtiger; und – wenn leicht halbtrocken ausgebaut – passen sie besser zu “fusion food” ( würzige Gerichte, oft süß-salzig, mit asiatischen/amerikanischen/mediterranen Akzenten). Für diese Generation wird Wein als ein persönlicher Genuss anstatt als täglicher, obligatorischer Essensbegleiter betrachtet. Die neue Generation ist zunehmend gesundheitsbewusst und befürchtet die Konsequenzen der industriellen Nahrungsverarbeitung. Daher schätzt sie Weine, die in kleinen Mengen von individuellen – und wenn nötig, kontaktierbaren – Winzern erzeugt werden. Weine, die ihre spezifische Herkunft unverkennbar widerspiegeln, und die einen einzigartigen Geschmack vorweisen – als Garant der Herkunft – werden gewürdigt. Mit der Philosophie und der Erzeugungsart der Mitglieder Ihres Verbands ist dies alles übereinstimmend. Auch wenn sich die Etiketten schwer lesen und einprägen lassen (Verbesserungen in dieser Hinsicht würden wir begrüßen), werden die phantasiereichsten der neuen Generation spielerisch vorankommen, die Namen und Besonderheiten der besten Lagen zu lernen – nicht zuletzt weil sie sich mit dem Mangel an Poesie und Mysterium der meisten Massengetränke langweilen. Sie werden wohl auch verstehen, dass die Tradition, die Sorgfalt und der finessenreiche Geschmack, die sich in einem Wein von großer Herkunft verbinden, Ihren Preis hat, sofern er nicht übertrieben ist.  
Angesichts der vorerwähnten Tatsachen ist das heutige Frankreich besonders interessant. Die neue Generation hat kein Vorurteil gegen deutsche Namen oder Herkünfte, aber einen Markt für den deutschen Wein gibt es nicht. Die allerwenigsten Leute wissen, dass großartige Weine in Deutschland überhaupt erzeugt werden. Höchstens ein Tausend – oft wegen Familienverhältnisse, oder weil man deutsche Winzer aus der Nachbarschaft kennt – trinken eine oder zwei Flaschen im Jahr anlässlich einer besonderen Gelegenheit. In den besten Wein-Fachgeschäften werden höchstens zehn bis zwölf deutsche Weine angeboten und vielleicht in vier bis fünf Restaurants steht ein deutscher Wein auf der Weinkarte. Dennoch habe ich bei Weinproben – die ich geleitet oder woran ich teilgenommen habe – nie erlebt, dass die besten deutschen Weine wegen Ihrer Ausgeglichenheit und Ihres Stils nicht bewundert wurden. Eine Probe bleibt besonders in Erinnerung. Die Jurymitglieder von Rouge et Blanc – französische Weinkenner, die besonders kritisch sind – haben den hervorragenden Mosel und Nahe Riesling Weinen die höchsten Noten verliehen, wie nie zuvor. Armin Diel wird sich wohl daran erinnern – da er und seine Weine auch dabei waren!

Was könnte man künftig unternehmen, um das Image des deutschen Weines in Frankreich zu verbessern? Vielleicht könnten meine eigenen Erfahrungen als Beispiel dienen. Mein Vater war französischer Offizier und es ist kaum überraschend, dass er für ein deutsches Erzeugnis wenig übrig hatte. Trotzdem hat er in den fünfziger und sechziger Jahren die damals sehr beliebten Weine aus dem Elsass geliebt und sehr oft getrunken. Der einzigartige Geschmack eines Rieslings hat mich also nicht überrascht, als ich ihm erstmals begegnete – in England, als ich ein junger Student in Oxford war. Die berühmten “hocks” wurden unter Weinkennern sehr geschätzt und auch ich war von deren edlen Geschmack sehr angetan. Damals – sowohl für meine Kenntnisse über die Weine aus Deutschland als auch die aus Burgund – hatte ich alles Mögliche über deren Geschichte und den damaligen Zustand gelesen. Insbesondere war ich vom Kommentar des verstorbenen Alexis Lichine in seinem berühmten Buch “Wines of the World” fasziniert. Ich habe sofort die Ähnlichkeit der Weinphilosophien des Rheingaus und des Burgunds in Bezug auf Herkunft und Geschichte verstanden: die Wichtigkeit von Terroir, und die Geschmacksindividualität jeder Weinbergslage und die dadurch entstandenen, komplexen Etikettsbezeichnungen.

Sobald es möglich war, Weine direkt von Selbstvermarktern (ohne die dummen Steuer zahlen zu müssen) zu beziehen, habe ich angefangen, die feinsten Riesling Weine zu sammeln – eine kleine Sammlung, worüber ich sehr stolz bin.
Daher vermute ich, dass der deutsche Wein einen größeren Marktanteil in Frankreich gewinnen könnte. Ich stelle mir weder vor, dass der Beliebtheitsgrad des 19. Jahrhunderts bald wieder erreicht werden kann, noch dass der deutsche Wein eine Rolle im Billigstsegment – wie die Weine aus Italien, Spanien oder Portugal – spielen wird. Der deutsche Wein wird ein Wein für Weinliebhaber sein, besonders wenn die Sammler begreifen, wie hervorragend z.B. die neuen trockenen „Grossen Riesling-Gewächse“ zum Fisch oder Hummer passen (und meiner Meinung nach eignen sie sich dafür viel besser als die meisten holzbetonten französischen oder ausländischen Chardonnays). Diese gute Chancen lassen sie sich jedoch nicht verwirklichen, wenn sich die deutschen Winzer selbst nicht dafür sorgen, dass ihre Weine mehr Anerkennung finden. Man könnte z.B. einmal eine einfache Strategie überlegen.

Hier einige Grundgedanken, über wie man am Einfachsten anfangen könnte:

a) Es ist notwendig, einige der besten und etwas aufgeschlosseneren Köche und deren Sommeliers zu überzeugen, dass die neuen deutschen Weine am besten zu ihren Gerichten passen (davon bin ich überzeugt). Diese könnten eventuell auch ihre deutschen Kollegen, die diese Affinität zwischen Küche und dem deutschen Wein noch nicht aufgenommen haben, darauf aufmerksam machen. In dieser Hinsicht bin ich sicher, dass es hierzulande noch viel zu tun gibt, da Ihre berühmtesten Restaurants oft noch bevorzugen, Weißweine aus Frankreich zu verkaufen. Ich empfehle, dass wir mit meinen Freunden Alain Senderens und Alain Dutournier anfangen.

b) Es wäre hilfreich, wenn Informationen über den deutschen Wein gemeinsam mit Informationen über beispielhaftes deutsches Können in den kulinarischen Bereichen wie z.B. Käse oder organischer Obst- und Gemüseanbau, usw. verbreitet werden könnte. Im Allgemeinen sind gastronomische Traditionen wesentlich interessanter als man vermutet und heute noch raffinierter als früher. Ein ausgezeichneter Feinkostladen in Paris oder in irgendeiner anderen wichtigen Stadt, wo Verbraucher die allerbesten Produkte kaufen bzw. essen würden, wäre ideal.

c) Freundliche Verbindungen zwischen deutschen und französischen Winzern sind leicht zu Stande zu bringen – besonders wenn es keine Konkurrenz bezüglich deren Produkte gibt. Rotweinerzeuger aus Bordeaux oder aus dem Rhônetal könnten Kunden und Familien überraschen und erfreuen mit einem deutschen Wein als Apéritif.

d) Am Wichtigsten sind regelmäßigen Einladungen von Journalisten und Sommeliers – wie die Österreicher es tun – um Ihre Weinberge zu besuchen und den neuen Jahrgang kennen lernen können.....und nicht nur anlässlich einer Versteigerung, wo nur wenig Wein zu extravaganten Preisen zum Verkauf steht. Ich erinnere mich noch an die berühmten Rheinreise 1993 und die Weinproben mit Rotweinen aus Bordeaux und Weinen der Mitglieder des VDPs. Jahre später gab es Weinproben unter der Schirmherrschaft von den deutschen Behörden in der deutschen Botschaft in Paris, die wegen der Auswahl der vorgestellten Weine – oft aus den Kellern badischer Winzergenossenschaften, die keineswegs die hervorragenden Leistungen Deutschlands Winzer repräsentiert haben – fehlgeschlagen waren. Ziel kann es nicht sein, Supermärkte zu überzeugen, dass es preiswerte, anständige deutsche Qualitätsweine gibt, sondern vielmehr zu zeigen, dass Deutschland moderne Weine eines hohen Niveaus im Premiumsegment bietet.

e) Wenn die französischen Verbraucher über die anspruchsvollen Weine Deutschlands besser informiert werden, und wenn das Angebot an deutschen Weinen in den besten Wein-Fachgeschäften zunimmt, bin ich sicher, dass diese Weine auch gekauft werden. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass die deutschen Erzeuger diesen Markt regelmäßig pflegen und die Wiederverkäufer überzeugen müssen, ihre Weine ins Sortiment zu bringen und zu verkaufen.

In meiner Arbeit als Weinjournalist versuche ich als Multiplikator zu fungieren, u.a. um ein besseres Image für den deutschen Wein zu erzielen. Seit Jahren habe ich auch versucht, ausländische Weine – hauptsächlich aus den traditionellen europäischen Weinbauländern, die, wie Frankreich, eine lange Weintradition vorweisen können – in die Weinzeitschrift „La Revue du vin de Franc“– aufzunehmen. Ich bin total überzeugt, dass mit der Weiterentwicklung der Europäischen Union, Grenzen keine Zukunft haben. Französischen Winzern und Verbrauchern wird es allmählich klar, dass sie mit anderen Ländern – die die gleiche Weinphilosophie haben – Partner werden müssen, um deren gemeinsame Erbschaft zu schützen. In den nächsten zwanzig Jahren müssen wir Widerstand gegen eine neue Welle von industriellen Weinen, die so langweilig sind und unserer Tradition widersprechend, leisten. Zweitens müssen wir unsere jungen Verbraucher überzeugen, dass unsere Weine interessanter sind und getrunken werden sollten, auch wenn die Behörden Weingenuss mit einem Staatsverbrechen gleichsetzen. Vielleicht warten die gleichen Behörden auf eine Geste von den qualitätsorientierten Weinerzeugern, ihnen beim Kampf gegen den Alkoholismus zu helfen.
Wir Weinjournalisten spielen eine sehr wichtige Rolle in diesem Spiel, denn Weinkritik trägt auch kulturelle Verantwortung, und große Weine sind Teil der Kultur. Die besten deutschen Weine sind zweifellos ein wichtiger Bestandteil der europäischen Kultur und den Genuss dieser Wein publizistisch zu fördern, gehört zu unserer kulturellen Verantwortung.

Meine sehr verehrte Damen und Herren: ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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